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ATV sieht "Tal der Tränen" hinter sich gelassen

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ATV geht es ein halbes Jahr nach der Übernahme durch ProSiebenSat.1Puls4 gut wie schon lange nicht mehr. Diese Botschaft verkündet Senderchef Thomas Gruber im APA-Interview. Die Programmgestaltung beider Sender funktioniere gut, die Marktanteile seien im Aufwind und man habe Raum und Mut für Programmexperimente. Wirtschaftlich ist der Sender indes noch nicht über den Berg.

"Anfang April, nach Abschluss des Deals, war ATV in einer wirklich schwierigen Situation und ist es auch weiterhin", erklärt Bernhard Albrecht, CFO der Sendergruppe in Österreich. "Der Sender hat im letzten Jahr 12 Millionen Verlust gemacht. Wir haben nicht viel Zeit, jedes Monat fallen weitere Verluste an." Und die roten Zahlen werden wohl noch "zwei, drei Jahre" geschrieben werden, wie hoch das Minus heuer ausfallen wird, könne er noch nicht beziffern. Für eine "dauerhafte wirtschaftliche Sanierung" müssen rund ein Drittel der Kosten eingespart werden: Etwa durch den Umzug ins Media Quarter, wo gerade rund 1.300 Quadratmeter fertiggebaut werden. Dort wird ATV die gesamte Sendeleitung der Gruppe abwickeln und im Gegenzug die Studios von Puls 4 nutzen. Sparpotenzial gebe es zudem durch "effizienteren" Content in der Sender.

Und wie schon seit April bekannt, wird auch beim Personal der Sparstift angesetzt. 150 Mitarbeiter hatte man da, vom Abbau von 70 Stellen war die Rede. Medieninformationen, wonach jüngst 40 Personen zur Kündigung angemeldet wurden, will Albrecht nicht bestätigen. Ende Mai wurde mit dem Betriebsrat ein Sozialplan vereinbart, sagt er aber. Und auch das Vorhaben, ATV-Mitarbeiter bei Puls 4 unterzubringen, "wird angenommen", ergänzt Gruber: Zwölf Kollegen habe man dort untergebracht, "wir sind zuversichtlich, dass wir weitere Stellen shiften können".

Komplementärprogrammierung funktioniert

Auf Kosten des Programms dagegen darf nicht gespart werden, ist die Devise. "Wichtig ist, dass wir den Zusehern und Werbekunden eine Wachstumsstrategie kommunizieren und diese auch umsetzen", sagt Albrecht. "Die eigentliche Herausforderung ist ja, dass ATV wieder wächst", das bedeute auch Investitionen. Auf dem Weg dahin gebe es deutliche Silberstreifen am Horizont. "Die Komplementärprogrammierung mit Puls 4, mit dem Ziel einer breiten Auswahl an attraktivem Programm, funktioniert gut", konstatiert Gruber. "Viele glauben, ATV habe Marktanteile von Puls 4 abgezogen. Das ist aus meiner Sicht nicht so." ATV habe seit der Programmumstellung am 8. Mai "stetig zugelegt", sei im August in der werberelevanten Zielgruppe über vier Prozent gelegen und habe im dritten Quartal "das stärkste Quartal seit 2014" hingelegt - all das kein Vergleich mit dem "Tal der Tränen" im 1. Quartal mit 2,8 Prozent bei den 12- bis 49-Jährigen. "Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sich die Quotenerfolge so schnell einstellen. Natürlich ist es das Ziel, dieses Niveau zu halten und weiter zu wachsen."

Dafür setzt man auf bewährte Bringer wie "Bauer sucht Frau", "Pfusch am Bau" oder die "ATV Reportage" (vier Folgen zum Thema "Balkanhochzeiten" sind bereits im Kasten) ebenso wie auf Neuheiten. Großes Herbstevent ist "Austrias Next Topmodel", das man von Puls 4 übernehmen konnte. An Neuheiten für 2018 plant man einige "Feel Good"-Formate, etwa eine Reality-Soap mit dem Arbeitstitel "Die Hochzeit meiner besten Freundin" oder Einrichtungsberatung für den Balkon. Nicht ganz so gute Gefühle kommen vielleicht bei "Betrogen!" - Detektive spüren Affären nach - auf.

"Beim Andy" einer der Testballons

Man scheut sich auch nicht, Testballons steigen zu lassen: "Beim Andy" mit dem früheren Mr. Musikantenstadl Andy Borg am 12. November ist so einer. "Wir setzen sehr stark auf Pilotfolgen und testen neue Formate", so Gruber. Im Informationsbereich habe sich der Umbau der Nachrichten gelohnt: Die "ATV aktuell"-Ausgabe um 20.05 wurde auf frühere Sendeplätze verteilt (um 17.20 und 18.20 Uhr) und hätten dort im Schnitt sieben Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. "Generell erlebt 'ATV aktuell' derzeit einen Aufschwung, auch unabhängig von den Wahlen", erklärt der Senderchef.

Die jüngsten Bedenken, ob die gemeinsame Berichterstattung am Wahlsonntag (mit Puls 4, Servus TV und Schau TV) gegen die Zusammenschluss-Auflagen verstoßen habe, will sowohl er als auch Albrecht zerstreuen: Diese Gemeinschaftssendung habe doch vor allem pragmatische Gründe gehabt, da die Spitzenpolitiker kein endloses Zeitbudget hätten. Wiederholen werde man dies aber nicht so bald, so Gruber.

ATV 2 schließlich sei "unbestritten", versichert er und soll "mittel- und langfristig Richtung zwei Prozent Marktanteil" gehen. Für 2018 schweben Gruber hier "größere Änderungen" vor, der Zweitsender soll kaum mehr Abspielstation für ATV-Eigenproduktionen werden, sondern eigene Formate erhalten.