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Start-ups finanzieren sich verstärkt über Krypto-Börsengänge

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Start-ups sind nicht nur innovativ bei ihren Geschäftsmodellen, sondern auch bei der Kapitalbeschaffung. Wer über die klassischen Wagniskapitalgeber kein Geld bekommt, probiert es inzwischen oft über einen sogenannten Initial Coin Offering (ICO). Finanzexperten raten Anlegern dabei allerdings zur Vorsicht und warnen vor schwarzen Schafen.

"Seit 2017 gibt es definitiv einen starken Anstieg von Unternehmen, die mit Anfragen zu ICOs an uns herantreten", sagt Mario Kyriasoglou von der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), ohne jedoch genaue Zahlen zu nennen.

ICO sind vom Namen her an Initial Public Offerings (IPO) angelehnt, also die klassischen Börsengänge von Firmen. Es gibt aber große Unterschiede: Anleger erwerben bei einem ICO keine Aktien von einem Unternehmen, sondern einen Token, der eine Art Gutschein für eine künftige Dienstleistung darstellt. "ICOs stellen eine Machtverschiebung von den klassischen Wagniskapitalinvestoren zu den Gründern dar", sagt Pia Poppenreiter, Chefin und Gründerin der Bezahl-Dating-App Ohlala, die in der Vergangenheit bereits einigen Ärger mit Investoren hatte. Das Berliner Start-up will bei einem noch für heuer geplanten Krypto-Börsengang 100 Millionen Euro einsammeln. Diese Summe würde Ohlala nie von Venture-Capital-Firmen bekommen, räumt die 31-Jährige ein. Denn klassische Investoren seien bei dem Geschäftsmodell von Ohlala - Sex gegen Geld - zurückhaltend.

Zahlreiche Experten warnen aber vor Geldanlagen in ICOs. "Die Betrugsquote ist hoch. Das ist manchmal wie im Wilden Westen", sagt Professor Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance. Das hängt auch damit zusammen, dass es keine spezifische Regulierung nur für ICO- oder Kryptotoken gibt. "Jeder kann theoretisch irgendetwas tun und als ICO bezeichnen", ergänzt BaFin-Experte Kyriasoglou. Deswegen habe die Behörde im November Verbraucher vor den Risiken von ICO gewarnt. Jedoch sei man nicht so weit gegangen, sie grundsätzlich zu verbieten. "ICOs werden in vielen Fällen missbräuchlich genutzt", sagt auch Dirk Siegel, Partner bei der Unternehmensberatung Deloitte.

Wie leicht so etwas geht, zeigte jüngst das Beispiel Savedroid. Das Frankfurter Start-up sammelte im Frühjahr über einen ICO laut Firmenchef Yassin Hankir rund 40 Mio. Euro bei Anlegern ein. Kurz danach waren Hankir und die Internetseite der Firma stundenlang nicht erreichbar, was zwischenzeitlich sogar die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief. Der Firmengründer erklärte, er habe darauf aufmerksam machen wollen, dass der ICO-Markt wegen Betrügereien vor dem Abgrund stehe. "Von Savedroid lässt sich lernen, dass die Gründer bei einem ICO den Investoren zu nichts verpflichtet sind und am Tag nach dem ICO mit dem gesamten Kapital verschwinden könnten", sagt Peter Lennartz, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Neun von zehn ICO seien nur dazu da, um das schnelle Geld zu machen, kritisiert ein Anwalt, der namentlich nicht genannt werden will. "Bei vielen Firmen wird die Blockchain-Technik nur konstruiert und sie ist eigentlich gar nicht notwendig für das Geschäftsmodell." Dabei sei die Blockchain, also die hinter den Krypto-Währungen stehende Technologie, wichtig für den Erfolg eines ICO. Bei Ohlala soll sie laut Gründerin Poppenreiter genutzt werden, um den Handschlag gegen einen bindenden Vertrag auszutauschen. "Die Absichten sind somit vor dem Date geklärt und festgehalten." Außerdem bezahlten die Nutzer künftig mit den digitalen Münzen statt mit Bargeld.

Start-up-Investor Christoph Gerlinger von der German Start-ups Group glaubt fest daran, dass ICO aus der Szene nicht mehr wegzudenken sind. "Sie sind allerdings eine Herausforderung für unsere Urteilskraft", räumt er ein. Damit Anleger schwarze Schafe einfacher ausmachen könnten, sei eine bessere Aufsicht notwendig, betont der Co-Chef der Silicon Valley Bank Deutschland, Oscar Jazdowski. "ICOs werden sich nur durchsetzen, wenn die Regulierer in Europa, in den USA und auch in China eine globale Strategie entwickeln, wie mit ICOs umzugehen ist und Richtlinien formulieren. Erst dann können sie Erfolg haben." Auch Poppenreiter plädiert dafür, Regeln aufzustellen. Sie selbst will für Transparenz stehen: "Wir wollen auf jeden Fall sicherstellen, dass nach dem ICO unsere Investoren schnell merken, wie ihr Geld eingesetzt wird."