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Medientage – Diekmann rät Zeitungen zum Leser-Anfixen

Das Duell „Boulevard vs. Qualität“ hat am Donnerstag für Lacher bei den 25. Österreichischen Medientagen gesorgt. „Wer predigen will, der muss dafür sorgen, dass die Kirche voll ist“, verteidigte Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann seine Art von Qualitätsanspruch. Es gehe ums süchtig Machen wie bei einer guten Netflix-Serie. Die Gatekeeper-Funktion hätten klassische Medien bereits verloren.

Die Diskutanten, auf der Qualitätsseite Rainer Nowak („Presse“) und Christian Rainer („profil“), am Boulevard neben Diekmann auch „Österreich“-Chef Wolfgang Fellner, waren sich rasch einig, dass Boulevard und Qualität keinen Widerspruch darstellen müssen. Unterscheidungskriterium sei eher das Niveau und der Faktencheck, meinte Rainer, die Themenauswahl – siehe britische Royals – hingegen weniger.

Das wahre Duell der Diskussion fand dann zwischen Rainer und Moderator Florian Scheuba einerseits und Fellner andererseits statt. Scheuba stichelte gegen „Österreich“ als durch Regierungsinserate finanzierte „Parodie zum Thema Boulevard“, als „gratis und trotzdem käuflich“, und auch Rainer erinnerte an eventuell gar nicht stattgefundene Interviews.

Fellner schlug zurück, tat Scheuba als recherchebefreiten „Staatskünstler“ ab und erregte sich über „immer die selbe depperte Diskussion“ zur Frage der Boulevard-Qualität. Hierzulande gebe es „sicherlich drei der besten Boulevardzeitungen der Welt“, wogegen die „Presse“ im Vergleich zu den „New York Times“ und „profil“ gegenüber dem „Spiegel“ lediglich „Micky Maus“ seien.

Auf Regierungsinserate verzichte er im Übrigen dankend, „ich krieg eh am allerwenigsten“. Im Gegenzug müsse aber die „raubrittermäßige“ fünfprozentige Werbeabgabe abgeschafft werden, die der Staat „saugt wie ein Vampir von jeder Zeitung“.

Österreich sei weiter eine Insel der Seligen, meinte jedenfalls Nowak und verwies auf stabile Printauflagen, aber auch auf die Erlöse am Usermarkt im Netz. Diekmann sah den hohen Zuspruch allerdings nur der Demografie und damit der Überalterung der Leser in Deutschland und Österreich geschuldet.

Bei den Jungen sei der Machtverlust schon da: „Wir sind Gatekeeper gewesen, welche Inhalte an ein Massenpublikum gehen. Das ist heute vorbei, diese Rolle haben heute die sozialen Netzwerke übernommen.“ Diese „dramatische Machtverschiebung“ zeige sich etwa an US-Präsident Donald Trump mit seinen 53 Millionen Twitter-Followern, meinte Diekmann.

Fellner outete sich hier als Medienoptimist, sah seine Position aber dadurch erschwert, dass Österreich mit dem „gebührengedopten“ ORF ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen habe, „das gratis ins Internet heraushaut“. Für andere Medien sei es daher schwer, für Web-Inhalte Geld zu verlangen und ein vernünftiges Geschäftsmodell zu schaffen.

Auch der Aufschrei um das Mail des Innenministeriums bezüglich kritischer Medien war Thema der Diskussion. „Was sonst so heimlich passiert ist, ist in dieser Form jetzt zur Doktrin geworden“, sagte Rainer. Fellner nannte das skandalös, erinnerte aber daran, dass auch schon in ÖVP-Zeiten 90 Prozent der Polizei-Geschichten der „Kronen Zeitung“ gesteckt worden seien. „Dass das jetzt festgeschrieben ist, ist der Blödheit der FPÖ zuzuschreiben.“