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Copyright: Julia Parger

Marcus Ammon, Senior Vice President Film & Entertainment bei Sky Deutschland


Babylon Berlin: „Be different. Be bold“

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Im TV-Kosmos von Sky werden Serien im großen Stil produziert. Filmchef Marcus Ammon im Gespräch über innovative Kooperationen, Mammutprojekte und grenzüberschreitendes Erzählen.

MedienManager: Am 13. Oktober startet auf Sky die Serie „Babylon Berlin“. Die Serie entstand

in Koproduktion mit der ARD. Wie kam es zu diesem Projekt?

Marcus Ammon: Wir hatten schon länger die Idee, auch eigene Inhalte zu produzieren, sprich in den Bereich Eigenproduktion, Koproduktion vorzudringen. Die Kollegen bei Sky in Italien und England machen das seit vielen Jahren. Jede Pay-TV Plattform weltweit produziert eigene Inhalte, von HBO angefangen bis Canal+. Und wir wussten: Irgendwann wollen und müssen wir auch auf diesen Zug aufspringen. Dann kam vor vier Jahren das erste Meeting mit den Produzenten von X Filme, die uns diese Serienidee gepitched haben. Wir wussten: Super, ein fantastisches Projekt. Tom Tykwer mit zwei weiteren wunderbaren Regisseuren als Showrunner, das kann nur groß und toll werden Um die Finanzierung zu stemmen haben wir gemeinsam mit X Filme, ARD Degeto, Das Erste und Beta Film ein innovatives Konzept entwickelt, bei dem sich Pay-TV mit einem öffentlich-rechtlichen Sender zusammentut, flankiert durch die Besten dieser Branche: X Filme als Produktionsfirma und die drei Regisseure Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries.

MedienManager: Also war die Idee einer Koproduktion finanzielles Kalkül?

Ammon: „Babylon Berlin“ ist ein Projekt, das so groß ist, dass es nur mit Partnern gelingt. Alle erwarten - auch die Gebührenzahler - dass endlich aus Deutschland und Österreich eine deutschsprachige Serienproduktion entsteht, die auf Weltniveau mithalten kann. Wir schauen alle ganz neidisch nach Skandinavien, wir schauen nach Frankreich und neuerdings auch nach Spanien und Belgien. In Deutschland gab’s in den letzten zehn, 15 Jahren kaum eine Serie, die international so stark für Aufmerksamkeit gesorgt hat, dass die Welt sagt: „Mensch, das will ich jetzt auch sehen.“ Wir wollen qualitativ hochwertig erzählen und mit „Babylon Berlin“ ist uns dies, davon bin ich überzeugt, gelungen. Wir haben gezeigt, dass auch Deutschland tolle Geschichtenerzähler hat.

MedienManager: Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit der ARD vorstellen?

Ammon: Es war ein Redaktionskreis von bis zu 15, 16 Personen, die eng an den Büchern gearbeitet haben, bis man soweit war, um zu sagen:  So, jetzt können wir uns langsam an die Produktion wagen. Die Produktion hat dann fast ein gesamtes Jahr eingenommen. Wir hatten knapp 200 Drehtage, 16 Episoden wurden gedreht, tausende Komparsen, über 200 Sprechrollen, das war also wirklich eine Dimension, die ihresgleichen sucht. Ein Mammutprojekt im besten Sinn.

MedienManager: Wie lange beträgt der exklusive Zeitraum der Serie für Sky?

Ammon: Wir haben uns darauf geeinigt, dass der exklusive Zeitraum ein Jahr beträgt. Babylon Berlin startet ab 13. Oktober bei Sky und kommt nächstes Jahr im Herbst bei der ARD. Unser Ziel ist es, dass es zuerst bei uns ein Erfolg wird und dann gleichermaßen bei der ARD. Wir wollen zeigen, dass dieses Modell, das so noch nie dagewesen ist, funktionieren kann.

MedienManager: Hatten Sie bei der Produktion von Babylon Berlin ein bestimmtes Zielpublikum

im Hinterkopf?

Ammon: Zum einen wollen wir natürlich, dass möglichst viele bestehende Abonnenten die Serie schauen. Zum zweiten wollen wir, dass diejenigen, die noch kein Sky Abo haben, auf die Serie aufmerksam werden. Frauen, Männer, Familien, wir wollen, dass Sky von jedem wahrgenommen wird. Denn Sky ist viel mehr als Fußball und mit Babylon Berlin stellen wir das unter Beweis.

MedienManager: Sky ist unter anderem bekannt für eingekaufte Serien wie „Game of Thrones“

oder „The Wire“. Warum setzt man jetzt auf Eigen- und Koproduktionen?

Ammon: Wenn man Stoffe lizensiert, ist man sehr stark von dem abhängig, was andere machen und was andere sich ausdenken. Bei einer Eigenproduktion hat man die Möglichkeit, für den eigenen Kundenkreis und für mögliche Neuabonnenten Inhalte zu schaffen, die speziell für diesen Geschmack hergestellt werden. Wir wissen ungefähr, wie unser Abonnent tickt. Wir wissen, was er gerne schaut und was er von Sky erwartet. Dazu kommt, dass man bei einer Eigenproduktion andere Möglichkeiten der Promotion hat. Selbstverständlich setzen wir aber auch weiterhin auf internationale Produktionen. Hier sind wir durch unsere Kooperation mit HBO und Showtime auch in Zukunft hervorragend aufgestellt. Aber als drittes Standbein, wenn man den Film nicht außen vorlässt, ist uns jetzt die eigenproduzierte Serie sehr wichtig.

MedienManager: Babylon Berlin genießt die bisher größte Werbekampagne von Sky, mit einem

Budget im siebenstelligen Bereich. Warum ist das so?

Ammon: Weil es unser wichtigstes Projekt ist. Um unseren CEO Carsten Schmidt zu zitieren: „Babylon Berlin ist für uns genauso wichtig wie die Deutsche Bundesliga“. Unser Ziel es, Sky weit über den Sport hinaus zu positionieren. Da hilft uns Babylon Berlin und die groß angelegte Kampagne, um die größtmögliche Aufmerksamkeit für diese Serie zu bekommen. Die Werbemittel haben wir im Haus entwickelt, haben sie mit den Kreativen diskutiert, mit Tom Tykwer, der sich stark eingebracht hat. Die Kampagne umfasst unter anderem klassische Anzeigen, Megaposter, Out-Of-Home Maßnahmen und vieles im Bereich Digital und Social Media. 

MedienManager: Bei internationalen Pay-TV Sendern stehen selbstproduzierte Serien schon länger am Programm. Warum springt Sky jetzt auf den Zug auf?

Ammon: Es gibt Pay-TV in Österreich und in Deutschland seit vielen Jahren. Bis zu dem Punkt an dem wir heute stehen, haben wir sowohl Höhen als auch Tiefen erlebt. Irgendwann kommt jeder Pay TV Anbieter der Welt zu dem Punkt, dass er über den Sport und Filme hinaus eigene Inhalte entwickelt. Es lohnt der Blick auf HBO in den USA: wenn Sie 20 Jahre in der Zeit

zurückgehen und sich anschauen, was HBO gemacht hat, dann war das Sport, hauptsächlich Boxen, viele Live-Events und Filme. Irgendwann in ihrer Entwicklungsgeschichte haben sie begonnen, eigene Serien zu produzieren. Wenn Sie heute an HBO denken, dann denken Sie eigentlich nicht mehr zuerst an Boxen und Filme, obwohl diese nach wie vor einen Großteil der Consumption ausmachen. Sondern Sie denken an die selbstproduzierten Serien, die sie bei einem klassischen amerikanischen

Networksender wie ABC oder CBS nicht finden würden. Auch wenn wir uns nicht mit HBO vergleichen wollen, sehe ich diese Parallelität. Wir sind aufgrund unserer Entwicklung 20 Jahre später dran, aber jetzt ergreifen wir dieses Momentum.

MedienManager: Von Free TV bis Video on Demand Plattformen: Die Angebote im TV-Kosmos sind schier unendlich. Wie kann man als Pay-TV Sender Abonnenten für sich gewinnen?

Ammon: Pay-TV Abonnenten erwarten etwas, was sie im regulären Fernsehen nicht bekommen. Das sage ich auch allen Produzenten, die bei uns ihre Projekte vorstellen: Wenn ihr euch das im klassischen Free TV um 20:15 Uhr vorstellen könnt,

dann müssen wir gar nicht großartig weiterreden – das gibt es ja schon. Babylon Berlin ist zwar eine Kooperation mit der ARD, richtig, aber hier waren wir von Anfang an gemeinsam von dem Gedanken getragen, etwas Außergewöhnliches zu machen. Wir wollen kontroverser erzählen, wir wollen vielschichtigere Erzählstränge, wir wollen ambivalentere Charaktere, wir wollen auch visuell expliziter darstellen. Wir wollen inhaltlich Grenzen überschreiten.  Also einfach sehr viel losgelöster von „gelernten Konventionen“ Bücher schreiben und produzieren. Das ist genau das, was HBO, Showtime, oder die größten amerikanischen Pay-TV Plattformen vorgemacht haben.

MedienManager: Was bedeutet diese inhaltliche Gestaltungsfreiheit für Sie im Konkreten?

Ammon: Wir können unsere Figuren Dinge machen lassen, die sie im freien Fernsehen nie tun würden, weil sie vielleicht politisch unkorrekt sind, weil sie vielleicht sexuell expliziter sind, weil sie Gewalt anders darstellen. Also dieses Grenzüberschreitende meine ich damit, ob es jetzt rein visuell ist, in der Darstellung, oder aber auch auf der Erzählebene. 

MedienManager: Welche Strategie steht hinter dem unkonventionellen Erzählen? Distanziert

man sich damit von den Angeboten im Free TV?

Ammon: Wenn ich einen ähnlichen Stoff produziere, den man im ORF, in der ARD und auch im ZDF rund um die Uhr bekommt, dann reicht das nicht. Natürlich wird auch dort viel Gutes produziert. Wir müssen uns jedoch unterscheiden, denn sonst sagt der Sky Zuschauer: „Hab ich doch links und rechts, also warum zahle ich jetzt für Sky?“. Dieses „more of the same“ kann und darf nicht unsere Motivation sein, sondern: „Be different. Be bold.“

MedienManager: Wollen Sie in Zukunft auch verstärkt in eigenproduzierte Filme investieren?

Ammon: Wir haben uns in der Vergangenheit ein bisschen ausprobiert in der Koproduktion von Kinofilmen. Das waren Projekte, die sehr ungewöhnlich waren und nicht einem Mainstream-Gedanken gefolgt sind. Aus strategischen Gründen projizieren wir jedoch momentan unsere ganzen Ressourcen auf das serielle Erzählen. Deswegen gilt zurzeit: Filme sind in unserem Herzen, aber was Eigenproduktion angeht, konzentrieren wir uns auf Serien. Wir haben kürzlich einen Film koproduziert, das Regiedebut von Ken Duken: „Berlin Falling“. Ein anspruchsvoller Film und ein forderndes Thema, nämlich Terror in seiner reinsten Form. Das war ein sehr spannendes Projekt und eine tolle Koproduktion, aber wie gesagt, wir konzentrieren uns mehr auf Serie.

MedienManager: Das heißt, Babylon Berlin ist ein zukunftsweisendes Serien-Projekt?

Ja, ganz sicher. Wir haben momentan vier weitere Projekte in der Mache, eines davon wurde gerade abgedreht: „Der Grenzgänger“, eine Kooperation mit einem norwegischen Sender, eine skandinavische Crime-Serie. Wir drehen auch gerade zwei weitere eigene Projekte: „Das Boot“, eine neue Geschichte, basierend auf dem Welterfolg von Wolfgang Petersen.  Und wir drehen in Berlin gerade die Serie „Acht Tage“. Es geht um das Katastrophen-Szenario, dass in acht Tagen ein Asteroid, der sich der Erde nähert, große Teile Westeuropas zerstören wird. Deswegen überlegen sich Menschen: Was mach’ ich in meinen letzten acht Tagen. Und das erzählen wir aus dem Fokus einer Familie. Dieser Fokus öffnet sich über die Episoden immer weiter. Wir drehen bereits seit ungefähr acht Wochen. Ganz tolle Drehbücher, die auch zeigen, wie wir anders erzählen: Sehr viel expliziter, deutlicher, frecher. „Der Pass“ ist unser nächstes Projekt und ist eine deutsch-österreichische Variante der „Brücke“, einer Serie aus Schweden und Dänemark. Exposition ist, dass auf einem Grenzstein zwischen zwei Ländern eine Leiche liegt. Zwei Ermittler, aus den angrenzenden Ländern, ermitteln an dem Fall. Wir spielen sehr mitdem jeweiligen Lokalkolorit, mit lokalen Traditionen, auf beiden Seiten. Die Geschichte spielt in den Bergen. Das wird nicht unbedingt ein Wohlfühl-Dreh, aber es ist ein extrem spannendes Buch.


Autor: Julia Prager


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