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Eine Breitband-Infrastruktur ist in der neuen TV- und Videolandschaft ein großes Kapital. Darin wittern Telekommunikationsanbieter weltweit ihre Chance.


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Walter Zinggl, IP Österreich


Telcos im TV-Markt: Wer gewinnt, wer verliert?

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Durch den Einzug von Telekommunikationsanbietern in die Fernsehbranche fürchten Traditionssender weltweit um ihre Vormachtstellung im TV-Markt. Österreichische Sender sehen die Situation gelassen.

Die Tage, an denen sich die Familieam Samstagabend zur Lieblingssendung um den Wohnzimmer-Fernseher versammelte, sind gezählt. Konventionelles Fernsehen büßt immer mehr an Attraktivität ein, der moderne Nutzer möchte TV uneingeschränkt, überall und jederzeit. Diese Transformation des Nutzerverhaltens macht sich auch im Markt bemerkbar: Immer mehr Zuschauer ersetzen konventionelle Kabel- und Satelliten-TV-Pakete durch kleinere, benutzerspezifische und häufig günstigere Programmkombinationen aus einer Auswahl von Online- und On-Demand-Angeboten. Für Telekommunikationsanbieter schafft dieser Umbruch eine neue Chance: Eine Breitband-Infrastruktur, wie sie Telcos mitbringen, ist in der neuen TV- und Videolandschaft ein großes Kapital. Verknüpfen Telcos ihre Connectivity mit packendem Content, könnten sie eine Schlüsselrolle in der aufkommenden Online-Video-Wertschöpfungskette spielen. Und wenn sie neue Kunden gewinnen, erhöhen sie nebenbei die Penetrationsrate ihrer eigentlichen Breitbandprodukte.

Internationale Entwicklungen. In den USA bilden die Zuschauer, die sich immer weniger für traditionelles Fernsehen interessieren, die Grundlage für den Umbruch im Markt. Landesweite Sendungen, die bisher die nationale Kultur geprägt haben, verlieren an Bedeutung und werden kontinuierlich durch kleinere, identitätsstiftende Formate ersetzt. Diese Entwicklung spiegelte sich in der Verleihung des Fernsehpreises Emmy im September wider. Die prestigeträchtigste Auszeichnung des Abends ging anden Streaming-Dienst Hulu, es wurde nur ein einziger Award an einen traditionellen TV-Sender verliehen. Die spezifischeren regionalen und lokalen Produktionen kommen beim ebenso diversen Publikum gut an, traditionelles Fernsehen kann sich Inhalte für kleinere Zielgruppen jedoch nur schwer leisten. Herkömmliche TV-Sender sind nach wie vor auf die Finanzspritzen der Werbebranche angewiesen und müssen gewährleisten, mit jeder Sendung das größtmögliche Publikum zu erreichen. Um dem hohen Druck durch die reichweitenstarken Telcos standhalten zu können, vernetzen sich US-amerikanische TV-Sender mit ihren neuen Konkurrenten: Aktuell bereitet sich AT&T, der zweitgrößte Mobilfunkanbieter des Landes, auf eine Fusion mit Time Warner vor. Time Warner umfasst unter anderem den Nachrichtensender CNN, die TV-Produktionsfirma HBO und das Hollywood-Studio Warner Bros.

Europa zieht mit. Auch im europäischen TV-Markt macht sich der Einzug von Telcos ins Business bemerkbar. So investieren Telco-Giganten europaweit in Content-Produktionen, um mit On-Demand-Anbietern wie Netflix und Amazon Prime mithalten zu können und mehr Abos für ihre Pay-TV- und Streaming-Dienste zu sichern. Pünktlich zur größten internationalen Fernsehmesse MIPCOM in Cannes kündigten mehrere europäische Telcos Eigenproduktionen an. So feierte der spanische Telefonanbieter Telefónica auf der Messe am 16. Oktober mit dem Thriller "La Zona" die Premiere der ersten Eigenproduktion seines Pay-Channels Movistar+. Erst vor wenigen Wochen hat außerdem die Deutsche Telekom den Produktionsstart ihrer ersten exklusiven Eigenproduktion für das Fernsehangebot EntertainTV bekannt gegeben. Produktionsbeginn der Serie "Germanized" ist Frühjahr nächsten Jahres. Die Serie soll mit zehn Folgen im vierten Quartal 2018 starten und für alle EntertainTV-Kunden kostenlos verfügbar sein.

Schwammige Situation in Österreich. Die aktuellen Entwicklungen auf dem internationalen Markt sieht der neue IAA-Chef Walter Zinggl gelassen. Eigenproduktionen stellen für ihn keine Gefahr traditioneller Fernsehsender dar: "In Bezug auf den Kernumfang des Geschäfts, nämlich Sendungen und Formate zu entwickeln, die vom Konsumenten geliebt werden, bin ich vollkommen entspannt, was die Telcos machen. Content-Produktion ist ein Handwerk, das man lernen muss. Es ist außerdem ein Gebiet, zu dem man als Unternehmen aufgestellt sein muss - die Erfahrung von Telcos kommt rein aus der Technik. Fernsehsender sind den Telcos hier einfach um Lichtjahre von Entfernungen voraus."

Als größeres Problem, insbesondere aus Vermarktersicht, kann die spezifische Situation in Österreich gesehen werden. Hier bieten A1 Now und 3TV unter der Berufung auf die Gerichtsentscheidung der "Kabelweiterleitung" dutzende Fernsehsender an. Dabei können Inhalte sieben Tage zeitversetzt angesehen und gespeichert werden. Die schwammige Gesetzeslage macht es möglich; die Telefonfunker berufen sich auf das Recht auf Privatkopie. Vermarkter fürchten um ihre Lebensgrundlage: Für sie beschränkt sich das Problem nicht auf den Umstand, dass fremde Inhalte ohne Einkauf der Rechte weitergegeben werden. Ihnen geht es auch um die Werbefenster, die plötzlich wegfallen - ein ganzes Ökosystem steht auf dem Spiel. Zinggl hofft daher auf eine Änderung der Gerichtsentscheidung: "Ich verstehe einfach nicht, wie ein kabelloses Unternehmen rechtlich als Kabelunternehmen interpretiert werden kann. Vielleicht gelingt es uns, dass die Gerichte ihre Entscheidung überdenken und das Urteil revidieren. Immerhin sehen wir diese Situation ausschließlich in Österreich."


Autor: Anna Polyzoides


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