DIGITALE MEDIEN

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Zeitungen und Magazine können ganz bequem im digitalen Kiosk erstanden werden


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v.l.n.r.: Wolfgang Rick, Morawa; Markus Fallenböck, VGN; Hermann Petz, Moser Holding


Fluch und Segen

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Die Wahl der optimalen Vertriebswege für (Print-)Content gewinnt immer mehr an Bedeutung. Digitale Kiosklösungen und App-Store-Varianten wie Readly, Blendle & Co zeigten Publishern zuletzt neue Wege auf, auch österreichische Verlage machen mit

Die Digitalisierung machte es möglich: Selektiv seine Lieblingsartikel überall lesen können, und das unkompliziert via Flatrate. Der Traum von Lesern - und offensichtlich auch von Verlagen - wurde vor wenigen Jahren wahr, als die ersten digitalen Kioske ihre virtuellen Pforten öffneten. Das schwedische Unternehmen Readly betrat als einer der ersten derartigen Anbieter den Markt, dicht gefolgt vom niederländischen Mitbewerber Blendle. In der Zwischenzeit tummelt sich bereits eine Handvoll - laut Eigenangaben - erfolgreicher Digitalkioske im Web herum, um Lesern selektives Lesevergnügen zu bereiten. Die Modelle ähneln einander, Unterschiede gibt es freilich bei Preisgestaltung und natürlich Content-Auswahl. Zusätzlich versprachen und versprechen die Betreiber dieser Plattformen, dass auch Verlage von den innovativen Vertriebslösungen profitieren. Denn es würden auch jene Leser erreicht werden, die das "Gesamtpaket" Zeitung (oder Magazin) nicht lesen, sprich: kaufen würden, dafür andererseits bereit sind, für einzelne Beiträge zu bezahlen. Und der Markt wächst.

Digitaler Leser. Der niederländische App-Anbieter Blendle meldete 2016 über eine Million Nutzer. Readly konnte unter seinen Usern bereits eine repräsentative Umfrage durchführen und die Details im "Digitalen Lese-Report 2017" bekannt geben. Was diese User begeistert: Der Zugriff auf Magazine ist überall und jederzeit möglich. Seit Februar ist Readly auch in Österreich selbstständig tätig, Titel wie Die Wienerin, Diva oder Alles Auto sind dort erhältlich. Unabhängig von diesen internationalen Entwicklungen zeigt man auch in Österreich digital Flagge. Der Austria Kiosk der APA bietet bereits seit geraumer Zeit gut 200 Titel in seinem digitalen Zeitungsstand an. Mediengroßvertrieb Morawa startete kürzlich seinen digitalen Lesezirkel "RED by Morawa". Dabei können Kunden in Hotels, Kaffeehäusern und Arztpraxen auch digital auf Magazine, Tageszeitungen und Bücher zugreifen. Für Leser ist das Angebot gratis, die Location bezahlt. "Bei unserer App wurde das Prinzip des Lesezirkels, also des Vermietens von Lesestoff an Kunden mit Wartebereichen, in die digitale Welt transferiert", erzählt Morawa-Geschäftsführer Wolfgang Rick. Im Unterschied zu anderen Lese-Apps kann der Konsument digitale Ausgaben in diesen Bereichen gratis lesen, aber nicht auf sein Gerät downloaden und anderswo lesen. "Möglich gemacht wird das durch Geotagging - das heißt, dass jede freigeschaltete Location genau geographisch erfasst wird." Welche Erwartungen gibt es? Rick: "Wir sind selbst über die große Akzeptanz erstaunt - sehr oft wird die App als Ergänzung zum klassischen Lesezirkel genommen."

Ergänzung - oder? Bei solchen Zahlen taucht verstärkt die Frage auf, ob solche Plattformen die digitalen Strategien der Verlage retten - oder ob doch eher eine Kannibalisierung der in Österreich noch immer attraktiven Abonnenten-Szene zu erwarten ist. So legt eine aktuelle deutsche Studie nahe, dass Verlage Bezahlkunden an digitale Kioske eher verlieren. Denn E-Kioske wie Blendle oder auch das deutsche Modell Pocketstory, die journalistische Inhalte verschiedener Zeitungen und Magazine bündeln und sie einzeln zum Verkauf anbieten, ist Konkurrenz für andere journalistische Bezahlangebote im Internet (paidcontent). Im Gegenzug dazu gelinge es nicht, Leser, die umsonst die werbefinanzierten Online-Angebote der Zeitungen nützen, in Kundenjournalistischer Bezahlmodelle umzuwandeln, heißt es in der Untersuchung weiter. Österreichs Publisher sehen die Situation offenbar nicht so dramatisch.

Chance für Angebot. Markus Fallenböck, Geschäftsführer Top Media & Chief Sales Officer B2C der Verlagsgruppe News (VGN): "Da wir in diesem Bereich sehr aktiv sind, sehen wir das klar als Chance. Wichtig ist dabei die klare Abgrenzung zu den verlagseigenen Angeboten." Daher stehen bei digitalen Kiosks für VGN Einzelverkaufsangebote, Flatrate-Angebote sowie neuartige Services wie Blendle im Vordergrund, so Fallenböck: "Das sind Angebote, die wir als Verlag selbst nicht anbieten können bzw. wollen. Wir betreiben ja als Verlag auch keinen Print-Zeitungskiosk. Hier wollen die User einfache, gebündelte Angebote." Parallel dazu konzentriere man sich auf Abo-Angebote im Bereich E-Paper, so Sales-Verantwortlicher Fallenböck: "Der Fokus liegt insbesondere auf günstigen Kurz-Abos, um unsere Leser an E-Paper heranzuführen, auf Jahres-Kombi-Abos, wo wir Neukunden gewinnen, aber auch bestehenden Print-Abonnenten ein Upgrade anbieten können. Das wird sehr gut angenommen." Auch Moser-Holding-CEO Hermann Petz kann die deutsche Skepsis nicht teilen: "Kiosk-Modelle - welcher Art auch immer - können im Vertriebsmix immer nur eine unterstützende Rolle spielen. Das war im Printgeschäft nicht anders als es heute im Online-Geschäft ist. Wer sich von Dritten Lösungen für die eigenen Probleme wünscht, wir dam Ende in Abhängigkeiten geraten, die tatsächlich eine Bedrohung werden können. Es sollte uns also nicht darum gehen, den tollsten Kiosk zu erfinden, sondern darum, Wege zu finden, wie wir vermeiden können, dass es einen solchen überhaupt braucht. Dass wir Kioske ausprobieren, liegt aber in der Natur der Sache. Wir wollen wissen, was funktioniert und warum."

Offene Augen. Dennoch sind die Medien- und Verlagsexperten nicht blauäugig: "Es gibt immer ein Kannibalisierungsrisiko, aber: wenn schon, dann kannibalisieren wir uns am besten immer noch selbst", erläutert VGN-Sales-Verantwortlicher Fallenböck. Er schätzt das Risiko geringer ein, wenn man auf neuartige Angebote (durch Pricing, Leistung, Zusammenstellung) setzt: "Dann gibt es eine echte Chance, neue Zielgruppen anzusprechen. "Moser-Holding-CEO Petz will ebenfalls differenzieren: "Eine Kannibalisierung findet heute nicht statt, weil die bisher vorhandenen Modelle einfach nicht erfolgreich genug für uns bzw. für Verlagsinhalte funktionieren." Das Risiko, dass es dazu kommen kann, bestehe zwar, sei aber eben noch hypothetisch, ist Petz überzeugt: "Dass der Verlust von Bezahlbeziehungen nie gut sein kann, liegt hoffentlich auf der Hand." 

Sie sind dabei

Bei der Verlagsgruppe News wurde bereits seit zwei Jahren das Thema E-Paper intensiv vorbereitet und bearbeitet, erzählt Sales-Geschäftsführer Fallenböck, und hier insbesondere mit dem Abo-Dienstleister DPV, über den einige internationale Plattformen bespielt werden. Aktuell sind VGN-Titel im APA Austria Kiosk und 3kiosk gelistet. Über Media Carrier läuft der Großverkauf: Hier sind VGN E-Paper in knapp 1.000 Hotels und bei Fluggesellschaften (Germanwings, AUA, Lufthansa) sowohl Lounge-, on board als auch bei Check-in verfügbar. Weiters laufen Tests bei zwei Lesezirkel-E-Paper-Anbietern, so Fallenböck, und zwar REDby Morawa und Zcircle. Bei der Moser Holding wird die Tiroler Tageszeitung beim Austria Kiosk, Google Play Store und iTunes Store angeboten, die Frauenmagazine sind auf Read.it erhältlich. "Gerade bei der TT ist wichtig, dass wir sie als Ganzes und nicht zerteilt in einzelne Artikel digital vertreiben", erläutert Petz.


Autor: Erika Hofbauer


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