DIGITALE MEDIEN

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Im historischen Ziegelsteinbau beginnt sich ein neues Zentrum für digitale Mediengeschäfte zu bilden


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v.l.n.r.: Georg Nimeh, Nimeh & Partners; Thomas Engljähringer, protoss-design; Thomas Zant, adverserve; Michael Grabner, M. Grabner Media


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Die ansässigen Agenturen teilen sowohl Infrastruktur als auch Kundenbeziehungen miteinander


Silicon Valley mitten in Wien

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In einem ehemaligen Fabriksgebäude in der Gumpendorfer Straße 132 im 6. Wiener Gemeindebezirk scheint sich ein Hotspot kreativer und innovativer Medien-Dienstleister zu entwickeln. Der MedienManager war zu Besuch

Der ehemalige Digitalchef des Kurier freut sich: Vor gut einem dreiviertel Jahr hat George Nimeh sein neues Büro in der Gumpendorfer Straße 132 in Wien 6 bezogen. In diesem loftartigen Büro mit flexibler Raumgestaltung bietet der Medienexperte mit Nimeh & Partners Konzept und Strategieberatung für Medien und Unternehmen an. Und er ist nicht alleine. An diesem Standort werken spezialisierte und innovative Content- und Technologie-Experten, die sich immer wieder auf die gegenseitige Expertise der Büro-Nachbarn verlassen können. Dass sich Nimeh inmitten dieses Kreativpotenzials niederlassen konnte, war seiner Bekanntschaft mit Jürgen Schmidt (Geschäftsführer von strg.at, Anm.) und Boris Schärf (Gründer von adverserve) zu verdanken: "Ich bin mit ihnen ins Gespräch gekommen, dass der Standort Gumpendorfer Straße 132 ideal wäre. Denn einerseits kommt hier das Beste aus verschiedenen Welten zusammen. Andererseits sitzen wir hier in einem Gebäude mit Charakter, Ausstrahlung und einer tollen 'Content-based' Geschichte. Es gibt viele unkomplizierte Möglichkeiten zusammenzuarbeiten."

Passender Ort. Die dafür passende Location zu finden, sei dabei heutzutage gar nicht so einfach, erinnert sich der Digitalexperte an seine unternehmerische Anfangszeit vor rund einem Jahr: "Bevor wir in die Gumpendorfer Straße übersiedelt sind, haben wir uns auch z. B. in der Nähe des Museumsquartiers geeignete Räumlichkeiten angesehen. Da gab es schöne, große Büros, aber die Herausforderung dabei war, dass man sich um alles selbst kümmern musste - also von Putzfrau organisieren bis Kühlschrank kaufen. Dabei sollte man ja damit beschäftigt sein, sein Business auf die Beine zu stellen. Ich wollte eine neue Agentur mit neuer Struktur schaffen und keine Küche kaufen ..." Seine Aufgabe als Agenturchef ist zwar neu, aber das Thema altbekannt, blickt Nimeh nicht nur auf seine Kurier-Zeit zurück: "Ich konnte dort viele innovative Schritte für das Unternehmen machen. Aber im Grunde beschäftige ich mich bereits seit gut 25 Jahren mit Themen rund ums Digitale - sei es bei der NYT, beim Kurier, Red Bull oder Start-ups und Agenturen." Hauptsache ist, so Nimeh, man bleibe in Bewegung und nimmt das Schicksal selbst in die Hand.

Neue Aufgaben. Gewohnt ehrgeizig und zielstrebig geht der ehemalige Digitalchef des Kurier auch an seine eigenen Projekte heran. Als "Agency for Changing Times" agiert Nimeh & Partners als DIE österreichische Boutique-Agentur für datengetriebenes Storytelling, erzählt der Medienfachmann: "Zu unseren Kunden gehören verschiedenste Firmen, von Medienunternehmen über kulturelle Einrichtungen bis zu interessanten österreichischen Start-ups. So unterstützen wir z. B. das Pioneers Festival, das Anfang Juni in der Hofburg stattfinden wird." Um diese Anforderungen perfekt bewältigen zu können, bietet die Location Gumpendorfer Straße offenbar enorme Vorteile. "Wir bauen Brücken zwischen unseren Unternehmen", verdeutlicht Nimeh die neue Form der Zusammenarbeit: "Ich bringe strategische Überlegungen für Konzept und Kreativität in ein Projekt ein. Kollegen, z. B. von strg.at, sind sehr vielseitig in Sachen Corporate Publishing, Technologie und allem, was mit Daten zu tun hat." Freilich vermittelt man sich auch gegenseitig Kunden, wenn es möglich ist: "Content Garden ist z. B. eine großartige Firma, die hochwertigen Content verteilen kann. Wir bauen jetzt gemeinsam eine Plattform für einen neuen Kunden, um die Distribution dieses Contents zu ermöglichen. Das Team von Open Research wiederum stellt exzellente mobile Lösungenzur Verfügung." Die Ideen gehen also im Silicon Valley von Wien offenbar nicht aus.

Erfahrungsaustausch. Auch andere Mieter des Büro-Lofts bestätigen den Wohlfühl- und Effizienz-Faktor des Standortes bei ihrer Arbeit. Thomas Engljähringer, Eigentümer der Full-Service-Digitalagentur protossdesign, werkt seit über zwei Jahren in der Gumpendorfer Straße." Es war schnell entschieden, dass dieses historische Gebäude mit dem imposanten Dachgeschoss der perfekte Platz für kreatives Arbeiten ist. Auch die Konstellation der Unternehmen hat uns die Entscheidung einfach gemacht, mit adverserve verbindet uns beispielsweise schon jahrelang ein geschäftliches und freundschaftliches Verhältnis." Auch der Tratsch bei Kaffeepausen bietet einen wichtigen Erfahrungsaustausch, feixt Engljähringer: "Es gibt hier kein branchenübliches Konkurrenzdenken."

Esprit und Dynamik. Seit dreieinhalb Jahren hat der Technologie- und Werbespezialist adverserve seinen Firmensitz im sechsten Bezirk. Geschäftsführer Thomas Zant weiß auch, warum: "Die Lage ist sehr zentral, aber die Location versprüht einfach einen Esprit, den wir auch firmenintern vertreten: Es ist alles räumlich sehr offen gestaltet, und es herrscht dadurch eine sehr dynamische und interaktive Arbeitsatmosphäre." Ist es ein Zufall, dass sich bei Hausnummer 132 so viele kreative Köpfe zusammenfinden? Zant: "Man sagt ja 'gleich und gleich gesellt sich gern' - da ist in diesem Fall sicherlich was dran. Wenn sich Unternehmen, die sich inhaltlich bzw. thematisch in der selben Branche - nämlich im digitalen Business - befinden, bringt das natürlich Synergieeffekte mit sich."

Diversität und Mix. Auch für den medialen Familienbetrieb Michael Grabner Media waren langjährige Geschäftsbeziehungen (zu Lucas und Boris Schärf, Content Garden bzw. adverserve) ausschlaggebend, um vor gut drei Jahren die Zelte in der Gumpendorfer Straße aufzuschlagen, erzählt Gesellschafter Gabriel Grabner: "Wir sind aus einem klassischen Wiener Innenstadtbüro in diese hochkreative Bürogemeinschaft umgezogen." Angetan habe es ihm die Diversität der Unternehmen und Mitarbeiter, der hohe Grad an Know-how-Austausch, der Mix aus Technik- und Kreativwirtschaft sowie die offene Atmosphäre. Die Verknüpfung und der Austausch wird nicht nur virtuell gelebt, so Grabner: "Wir sind mit unserem Beteiligungsunternehmen an wei Start-ups in der Gumpendorfer Straße beteiligt sowie in der Umsetzung von neuen Projekten."

Neuansiedlung? Gibt es bei all dem unternehmerischen Angebot noch ein Unternehmen, das fehlt? Consulter Nimeh: "Eine Brauerei! Nein, Spaß beiseite. In Anlehnung an die Geschichte des Gebäudes und aufgrund der Wichtigkeit von Video im digitalen Zeitalter glaube ich, dass ein Multimedia-Studio eine interessante Ergänzung zu unserem unternehmerischen Mix an diesem Standort wäre. Aber grundsätzlich fehlt nichts, weil wir ohnehin auf maßgeschneiderte Produkte setzen."

Die Mieter im Überblick

Nimeh&Partners: Content Marketing und Media-Consulting

Strg.at: Technologie-Werkzeuge für digitale Content-Produktion

Content Garden: auf Native Content Distribution spezialisiertes Technologieunternehmen

Adverserve: Anbieter für Ad Technologies und Digital Advertising

Protoss: Full Service Digital-Agentur

Openresearch: App-Entwicklungsagentur

Michael Grabner Media: Beratung für Digital- und Printmedien

Geschichte der Gumpendorfer Straße 132

Hier wurde bereits in den 20er Jahren Mediengeschichte geschrieben, erzählt strg.at-Geschäftsführer Jürgen Schmidt: "Hier wurden Technologien entwickelt und probiert." Ursprünglich wurde das Haus 1893 als Fabrik von Karl Stiegler in Sichtziegelbauweise errichtet. 1919 wurde die Naturlichthalle erbaut. Sie diente über zehn Jahre für die Produktion von Stummfilmen. Die jüdischen Kaufleute Heinrich Moses Lipsker und Adolf Stotter hatten hier unter Beteiligung des Zigarettenhülsenfabrikanten Adolf Ambor die LISTO Film GmbH gegründet. Ab den 30er Jahren war das Gebäude nicht mehr zeitgemäß. Die Naturlichthallen wurden durch Scheinwerfer abgelöst, und die Glanzzeit der Halle war damit vorbei. Die Eigentümer emigrierten in den späten 30er Jahren nach England, das Gebäude wurde arisiert. Adolf Ambor kehrte nach dem Krieg nach Wien zurück und erhielt das Gebäude 1947 zurückgestellt. 1998 wurde das Gebäude unter Erhaltung der alten Bausubstanz komplett erneuert. Nach Fertigstellung wurde es mit dem Wiener Stadterneuerungspreis ausgezeichnet.


Autor: Erika Hofbauer


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