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Sie geben vor, Menschen zu sein, beeinflussen Meinungen und Diskussionen und können dabei sogar feuern wie eine Armee: Social Bots


Oh my Bot!

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Bei Twitter, Facebook, Instagram und Co manipulieren Social Bots oft auf subtile Weise Meinungen. Vor allem gelingt das, weil sie vorgeben, Menschen zu sein

Es bräuchte nur wenige Handgriffe, um den Twitter-Account des deutschen Medienmagazins Zapp mit "Lügenpresse!"-Kommentaren zu überfluten. Wie einfach das funktioniert, zeigt Linus Neumann vom "Chaos Computer Club" für einen Zapp-Beitrag vor. Dafür programmiert er einen sogenannten Social Bot, der jeden einzelnen Tweet, den das Medienmagazin absendet, automatisch mit "Lügenpresse!" beantwortet. Eine Vorlage aus dem Internet wandelt Neumann dazu für seine Zwecke ab und erzielt mit vergleichsweise wenig Aufwand große Wirkung, denn mit vermehrtem Aufkommen solcher Tweets wird jede Diskussion im Keim erstickt - es wird Stimmung gemacht.

Roboter mit menschlichem Antlitz. Das eher junge Phänomen des "sozialen Bots" (von Bot, Roboter) beschreibt der Brockhaus als "autonom agierendes Programm, das in der Lage ist, menschliche Kommunikationsmuster zu imitieren, in dem es beispielsweise auf bestimmte semantische Strukturen reagiert". Social Bots sollen vor allem "Accounts und Profil ein sozialen Netzwerken kontrollieren", indem sie nicht nur Informationen und User-Daten sammeln, sondern auch aktiv in die Netzwerkkommunikation eingreifen. Sie geben vor, reale Menschen zu sein, indem sie nicht daher kommen wie R2-D2 oder Andrew aus dem Filmklassiker "Der 200 Jahre Mann", sondern wie der Serviceroboter Anita aus der Serie "Humans": mit durch und durch menschlichen Zügen. Im Unterschied zu Bots, derer sich etwa Online-Gamer bedienen, hilfreichen Chat-Bots oder, grob gesagt, auch den Mechanismen, die hinter Suchmaschinen stecken, wird es bei Social Bots daher umso schwieriger, sie zu enttarnen. In den sozialen Medien wie Twitter, Instagram und Facebook gelten sie längst als Fluch, weil sie Stimmungen, Meinungen, Trends und - wie zuletzt besonders heiß diskutiert wird - sogar Wahlen beeinflussen können.

Besonders häufig werden Social Bots in politischen Diskussionen eingesetzt. Geradezu invasionsartig mischten sie sich etwa mit russlandfreundlichen Kommentaren in den Ukraine-Konflikt, in Debatten rund um den Brexit oder das Thema Flüchtlinge und zuletzt auch in den Wahlkampf um das US-Präsidentenamt ein. Eine bedeutetende Rolle wird Bots auch im Skandal um Mexikos Präsidenten Enrique Peña Nieto im Vorjahr zugeschrieben, klärt die Zapp-Redaktion in dem Beitrag auf. Kritik von Twitter-Usern am Präsidenten unter dem Hashtag #SobrinaEPN wurde bald von unzähligen Bots unter Beschuss genommen und geriet dadurch ins Hintertreffen. Legen Social Bots einmal richtig los, "können sie feuern wie eine Armee" und sind kaum unter Kontrolle zu bekommen, heißt es bei Zapp.

Was Social Bots gefährlich macht. Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik in München, sieht von Social Bots gleich mehrere Gefahren ausgehen. Wie computergesteuerte User manipulieren und welchen Einflusssie auf die öffentliche Meinung haben, analysiert er gemeinsam mit Kollegen im Rahmen des Projekts "Social Media Forensics". In der Publikationsreihe "Analysen und Argumente" der Konrad-Adenauer-Stiftung gibt Hegelich zu bedenken, dass alleine die Masse der Nachrichten aus einem sogenannten Bot-Netz heraus die Trends in sozialen Netzwerken manipulieren kann.

Mittel gegen Bots: Mehr digitale Medienkompetenz. Der Datenexperte Simon Hegelich kennt die Tricks, mit denen die Macher von Social Bots arbeiten. Aktuell stellt das Manipulieren von Trends für Hegelich die größte Bedrohung dar, weil diese auch in politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse einfließen." Dann liegen diese Analysen im harmlosesten Fall einfach daneben", schreibt er, "im schlimmsten Fall verleiten sie aber Politiker dazu, in ihren Statements oder sogar in ihrer Politik auf solche Trends einzugehen, wodurch die Position, für die die Bots stehen, unter Umständen einen Zuspruch erhält, den die Bots alleine nicht erreicht hätten." Eine zweite Gefahr sieht er darin, dass Bots demokratische Prozesse beeinflussen. Auch indem Bots häufig sehr aggressiv agieren und echte Menschen mit gemäßigten Meinungen aus Debatten vertreiben, vor allem aber machen sie oft sehr subtil Meinung. "Ich kann nicht einfach jemandem sagen: Sei jetzt für den Brexit - und dann sagt der einfach: okay", erläutert er im Interview mit der TAZ. "Ich muss die Leute schon abholen bei etwas, was sie sich vielleicht selbst schon gedacht haben." Deshalb werden manipulierende Tweets gerne zwischen harmlosen Elementen wie Witzen und News eingebettet. Hegelich kennt auch die Tricks der Bots, die er etwa am Beispiel Ukraine beobachtete: "Sie folgen sich gegenseitig und haben dadurch ein ausgewogenes Verhältnis von Freunden und Followern, sie posten nach einem zeitlichen Muster, das Pausen und Schlafenszeiten simuliert, aber trotzdem zufällig ist, und sie verfügen über die Fähigkeit, Nachrichten geringfügig abzuwandeln, sodass die Aussage zwar identisch bleibt, automatische Programme aber die Texte nicht als identisch erkennen können", schreibt er in "Analysen und Argumente". Und warnt auch davor, dass Bots sogar gezielt in einem "Cyber Warfare Szenario" angewandt werden können: angefangen vom Ausspionieren von Nutzern über die gezielte Verbreitung von Falschnachrichten bis hin zu Cyber-Attacken.

Dass kaum herauszufinden ist, wer letztendlich hinter Bot-Netzwerken steckt, macht für die Zukunft wenig Hoffnung. Verfahren, um Bots aufzuspüren, werden zwar verbessert, doch gilt das auch für die Gegenseite. "Die große Herausforderung wird sein, zu analysieren, wie der Nutzer Bots besser erkennen kann, und hierbei die digitale Medienkompetenz gesellschaftspolitisch eine noch größere Bedeutung erlangt", so Hegelich. 


Autor: Sabine Karrer


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