MEDIENSZENE WIEN

Copyright: Marija Kanizaj

Der Kärntner Journalist Hubert Patterer hält seit 2006 bei der Kleinen Zeitung als Chefredakteur die Zügel fest in der Hand.


„Es ist ein großes, buntes Lerncamp“

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Ob eine Taskforce für junge Leserschichten oder die Schulung der Regionalredaktionen in Sachen Snack- TV, Hubert Patterer nimmt die Herausforderungen der Digitalisierung auf das Zeitungsgeschäft todernst

MedienManager: Wir leben in einer Zeit wachsender Polarisation. Das spüren die Politiker und auch die Medien. Wie macht sich dieser Zeitgeist im Geschäft des Lokaljournalismus bemerkbar?

Hubert Patterer: Ich denke, es ist mehr als ein Zeitgeist. Es handelt sich um eine Vertrauenskrise, die sich im Zuge der Flüchtlingswellen von der etablierten Politik auf die etablierten Medien übertragen hat. Viele Leser hatten das Gefühl, dass das, was sie empfanden und wahrnahmen, mit dem, was die herkömmlichen Medien veröffentlichten, nicht übereinstimmte. Sie erlebten Zeitungen und Fernsehen als Teil eines polit-medialen Schweigekartells. Das hat die Misstrauischen und die Unzufriedenen in das trügerische Paralleluniversum und in die Selbstbestätigungsblase der sozialen Medien getrieben. Von diesen Phänomenen sind auch wir nicht gänzlich verschont geblieben.Wir stellen uns ihnen mit noch mehr Transparenz und noch mehr undogmatischer Faktentreue. Wir schreiben, was ist. Wir versuchen, das zu vermeiden, was Rüdiger Safranski unlängst den Medien vorgeworfen hat: dass sie im Dienste des vermeintlich Guten Pädagogik statt Journalismus betrieben hätten.

Die Kleine Zeitung ist nach wie vor die Cashcow im Styria-Konzern, und es gibt kaum vergleichbare Regionalmedien, die eine so starke Leser-Blatt-Bindung haben. Wie gedenken Sie dieses Niveau zu halten?

Patterer: Indem wir leidenschaftlich bleiben, weltoffen, regional, dünkelfrei und veränderungsbereit. Und indem wir uns noch mehr öffnen und gegenüber den Lesern darlegen, was wir tun, wie wir es tun und warum wir uns wie entscheiden. Wenn Zeitung Zukunft hat, dann als lebensbegleitendes Dialog-Angebot. Die Verbundenheit der Leser mit unserer Zeitung ist unser höchstes Gut. Wir hüten es wie einen Gral. In Wahrheit gehört die Zeitung gar nicht mehr uns. Die Leser haben sie sich längst unter den Nagel gerissen. Es ist ihre Zeitung.

Die Digitalisierung macht derzeit vor keinem Halt. Nicht vor den Medienmachern und schon gar nicht vor den Gewohnheiten des Publikums, Stichwort: junge Leser. Wie gestaltet sich der Wandel Ihrer Wahrnehmung nach auf beiden Seiten, und welche Strategien verfolgen Sie, um dem Umbruch zu begegnen?

Patterer: Wir haben die größte Transformationskiste in der Geschichte der Kleinen Zeitung hinter uns. Wir haben alle Produkte und Plattformen überarbeitet und ihnen ein ausdifferenziertes Profil verpasst: vom Live-Medium Mobile bis zur vertiefenden gedruckten Zeitung. Dann haben wir die beiden Kulturen Print und Online zu einer integrierten Redaktion miteinander verzahnt und sind mit dieser in den modernsten multimedialen Newsroom des Landes eingezogen. Es ist ein großes buntes Lerncamp, das wir mit neuen Expertisen angereichert haben. Dazu zählt das Dialog-Ressort ebenso wie das Traffic-Management oder das Video- und Livestream-Team. Es ist ein dynamischer Organismus, denwir permanent weiterentwickeln. Die Regionalredaktionen schulen wir gerade in Sachen Snack-TV und Handy-Videos, um von außen rasch Bewegtbild-Inhalte liefern zu können. Wir hoffen, mit dieser Professionalisierung des digitalen Angebots auch die Jüngeren zu erreichen. Auch das Bespielen der jugendaffinen Social-Media-Kanäle wie Instagram, Snapchat oder WhatsApp gehört dazu. Da haben wir uns zu sehr auf Facebook konzentriert. Wir wollen in Summe alle Angebote verjüngen. So haben wir erst vor kurzem in der Redaktion eine Art Taskforce für junge Leserschichten ins Leben gerufen - ein Aufsichtsrat aus jungen kreativen Köpfen, die uns alten Schlachtrössern auf die Finger klopfen.

Sie haben 2016 eine Paywall für die Kleine Zeitung eingeführt. Die Presse ist inzwischen nachgezogen. Bitte teilen Sie doch ihre ersten Erfahrungen mit uns und Ihre Erkenntnis, ob diese Entscheidung in einem kleinen Markt wie Österreich Sinn macht.

Patterer: Sie ist nicht nur sinnvoll, sondern eine Überlebensfrage. Ohne zahlende Leser im Digitalen ist multimedialer Journalismus in Zukunft nicht refinanzierbar. Die ersten Monate nach der Zeitenwende sind ermutigend verlaufen und geben uns Recht. Ende April haben wir das Jahresziel bereits übertroffen: 20.000 digitale Abonnenten. Das ist eine Verdoppelung des Standes vor der Umstellung. Zwei Drittel davon kommen von Printlesern, die ihr Abo gegen einen monatlichen Aufpreis von drei Euro multimedial aufgewertet haben.

Bei der von Ihnen durchgeboxten Blattreform der Kleinen Zeitung wurde von einem "Sieg der Beharrlichkeit" gesprochen. Sie haben damals für Ihre Umsetzung viel Lob geerntet. 2016 dann der nächste Relaunch. Schwierigere Zeiten, weniger Applaus. Ist der Plan, beim derzeitigen Konzept - "die Zeitung als Anker in den Sturzfluten der digitalen Information" - zu bleiben, oder soll es in naher Zukunft weitere signifikante Änderungen geben?

Patterer: Man kann die beiden Relaunch-Projekte nicht auf eine Ebene stellen. 2003 markierte eine radikale Zäsur: die Wandlung vom Nachrichtenmedium zum täglichen Magazin. Der Relaunch 2016 war eine formale und inhaltliche Weiterentwicklung: noch mehr Analytisches, noch mehr Orientierung, noch mehr Service-Qualität, die in den Tag gerichtet ist, und noch mehr großflächige Interviews. Die Rekord-Reichweite in der Media-Analyse 2016 zeigt, dass die Leser die Veränderung und Modernisierung mittragen.

Der Relaunch der Printausgabe markierte den Abschluss einer inhaltlichen Neuausrichtung der Marke Kleine Zeitung, die 2014 mit der App begonnen wurde. Auch die Redaktionen wurden zusammengeführt. Wie bewährt sich die derzeitige Infrastruktur?

Patterer: Sehr gut. Ich kenne niemanden, der sich in die alte Zellen-Architektur zurücksehnt. Rasche Kommunikation, kurze Wege, vernetztes Denken und Handeln, all das hat sich bewährt. Auch wenn wir Lernende bleiben. Das Schöne ist: Es gibt nach zwei Jahren integrierter WG keine Print-Hüte und keine Digital-Hüte mehr.

Sie haben im Zuge der Reorganisation ihre Regionalredaktionen zu multimedialen Außenredaktionen umgerüstet und jeweils Mitarbeiter aufgestockt. Was hat sich gut entwickelt, wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?

Patterer: Unsere Regionalredaktionen waren bis Ende 2014 reine Print-Einheiten. Heute arbeiten sie multimedial und bespielen eigenständig ihre jeweiligen regionalen Portale, auf der Website wie auf der App. Gleichzeitig sind wir bemüht, diese Auftritte ständig zu verbessern. So wollen wir demnächst Push-Nachrichten auch für die einzelnen Regionen entwickeln. Auch arbeiten wir an einem neuen Stadtportal für den urbanen Großraum Graz.

Wie haben sich die Nutzerzahlen bzw. wirtschaftlichen Daten neuer digitaler Produkte wie dem Trauerportal, der Ärzte-App und dem Webshop entwickelt?

Patterer: Das sind Insel-Lösungen, die stabile Zugriffe haben und die wir als nächsten Schritt mit dem digitalen Stammprodukt verzahnen wollen. Beim Webshop haben wir Erfahrungen gesammelt und viel ausprobiert, was funktioniert und was nicht, was zur Marke passt und was nicht. Wir wollen in Hinkunft die Produktpalette noch stärker in Richtung Regionalität schärfen. Die Hälfte aller Zugriffe vom Shop stammt übrigens von Usern, die nicht zur Leserfamilie der Kleinen Zeitung gehören. Das ist eine großeChance, sie mit den Daten für unsere Inhalte und Produkte zu gewinnen.

Sie haben kürzlich einen Aufruf zu einem Leserforum gestartet. Dabei sollen Leser Ideen zur Weiterentwicklung der Zeitung und der digitalen Plattformen einbringen. Warum haben Sie diese Initiative ins Leben gerufen, und was erwarten Sie sich davon?

Patterer: Öffnung der Zeitung, noch mehr Transparenz, den Lesern auf Augenhöhe begegnen. Das Leserparlament mit den zwei Leser-Kammern in der Steiermark und in Kärnten wird noch im Juni seine ersten Plenarsitzungen haben.

Sie sind sowohl als Medienmanager als auch als Journalist ausgesprochen erfolgreich. Wie schaffen Sie den Spagat?

Patterer: Indem die beiden Identitäten ständig und manchmal unter Rauch miteinander ringen. Das Schreiben selbst kommt unter die Räder und kämpft leidenschaftlich und oft vergebens um sein Recht.

Eva Weissenberger gehörte zu ihrem engsten Mitarbeiterkreis, bis sie zu News wechselte. Wie bewerten Sie ihren Abgang und die Entscheidung der VGN, sich von ihr zu trennen?

Patterer: Ich weiß nicht, wer sich am Ende von wem trennte. Ich will nicht fernfuchteln. Sollte man bei Trennungen nie. Dass sie von uns weggegangen ist, habe ich bedauert, vor allem für sie. Sie ist eine exzellente Journalistin, aber sie ist Zeitung. Sie hätte auf ihren Vater hören sollen.

Interview: Tatjana Lukáš




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