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Das Publikum blickt in fremde Wohnzimmer, während Spira aus dem Off persönliche Fragen stellt. Dabei wird den Protagonisten aber nicht ihre Würde genommen, sagt Peter Vitouch


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Peter Vitouch, Universität Wien


Herzensangelegenheiten

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Elizabeth T. Spiras Kultsendung „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ entpuppt sich auch in der mittlerweile 19. Staffel als kultiger Quotenbringer

Montagabend ist "Liebesg'schichten und Heiratssachen"-Abend. Zumindest für mehr als eine Million Österreicher, die Woche für Woche Elizabeth T. Spiras Kuppelformat verfolgen. Darin porträtiert die Fernsehmacherin Singles wider Willen und bringt dem ORF gute Quoten. Rund eine Million Zuseher blicken jeden Montag von ihrer Couch in fremde Wohnzimmer - inzwischen in der 19. Staffel. Dieses Mal sitzt eine Person mehr vor dem Fernsehgerät - zur Recherche. Für einen angenehmen Einstieg in das Format sorgt die Twitter-Community, während schon der Titelsong "Mein Herzfür ein Herz zugeben" läuft.

Eine der berühmten Torten im Einspieler trägt den Zuckerguss-Schriftzug "Karl". Der Pensionist erzählt rührend von seiner verstorbenen Frau, die ihm aufgetragen habe, eine neue Partnerin zu suchen. Er sucht eine aktive Frau mit toller Frisur, tollen Kleidern und tollen, witzig lackierten Fingernägeln. Und jemanden für seinen Whirlpool, den benützt er alleine nämlich nicht. Die Nächste ist Bernadette. Die 37-Jährige hat ein Faible für Esoterik, Kartenlegen und Hexerei. Bernadette hat das, was Karl vermutlich unter einer tollen Frisur und witzig lackierten Fingernägeln versteht. Auch sie badet gerne in ihrem Jacuzzi. "Warum verkuppeln die nicht Karl und Bernadette?", twittere ich und klicke auf "Senden". Die Community diskutiert bereits eifrig unter dem Hashtag #liebesgschichten. Zu meinem Erstaunen halten sich gehässige Kommentare in Grenzen. Das bleibt auch so, als der Magistratsbeamte Heinz Markus die Bühne betritt. Ihm behagt das Singledasein nicht, dafür spricht er gerne mit Naturwesen - Feen, Elfen, Zwergen -, sagt er. Auf die Community mag er skurril wirken, trotzdem folgen kaum böse Tweets.

Abgrenzung zum Trash-TV. Peter Vitouch, Professor für Medienpsychologie an der Universität Wien, verwundert das nicht. Das Positive etwa an Heinz Markus sei, dass er authentisch und sympathisch wirke. Damit erklärt sich Vitouch unter anderem den anhaltenden Erfolg der Sendung, obwohl sich diese so gar nicht in die Reihe diverser quotenbringender Trash-Formate stellt. Im Gegensatz zum Trash-TV wird den Protagonisten in den "Liebesg'schichten" weder ihre Würde genommen noch werden sie lächerlich gemacht, sagt Vitouch. Er bezeichnet die Sendung als "harmlose, liebliche Variante". Trash-TV dagegen führe Menschen vor, habe zum Ziel, dass sich Leute vor dem Schirm amüsieren. Bewusst werden Konflikte geschaffen, an denen sich das Publikum ergötzen will.

In die Rolle des Voyeurs schlüpfen die Zuseher dennoch, finde ich. Sie schauen durch das Schlüsselloch, während Spiras Stimme aus dem Off sehr persönliche Fragen stellt und die Kamera allerlei bizarre Dekogegenstände einfängt - am Konzept der Sendung hat sich seit den ersten Folgen wenig verändert.

Kult trotzt Trend. Fans der Sendung wollen dabei sein, wissen, ob Kandidaten viele Zuschriften bekommen, ob sie sympathisch oder unsympathisch wirken, sie finden sich in Geschichten sogar wieder oder diese einfach nur seltsam, erklärt Vitouch die Faszination an der Sendung. Mitunter versammle das Format sogar ganze Familien vor dem Bildschirm. All das ist fast erstaunlich, da das Medium Fernsehen für Veränderung und Erneuerung steht, stets Neues zeigen will und damit den perfekten Nährboden für immer noch trashigere Formate schafft. Diesem Trend trotzen die "Liebesg'schichten" und ziehen in keiner Weise mit den Trash-Formaten mit. Das Konzept gehe auf und beweise sogar, dass man für den Erfolg nicht immer ins Extreme gehen muss, betont Vitouch. Er sagt aber auch: "Es wäre ganz schwierig, sowas wie die Liebesg'schichten neu zu entwickeln, das dann auch über so lange Zeit funktioniert."


Autor: Sabine Karrer


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