REDAKTION

Copyright:

Im Buch „Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus“ zeigt Anton Holzer, wie sich die Pressefotografie im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.


Wo Fotos an Grenzen stoßen

zurück

Darüber schreiben, es aber nicht zeigen? Gerade, wenn es um Kriegs-, Terror- und Gewaltopfer geht, ist in den Redaktionen Fingerspitzengefühl gefragt.

Wie geht man mit Enthauptungs-Videos um? Welche Bilder sind moralisch vertretbar und welche nicht? Wann werden Grenzen überschritten? Mit solchen Fragen sehen sich Medien etwa konfrontiert, wenn es um die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) geht. Um Antworten zu finden, luden das Forum Journalismus und Medien Wien (fjum), der Presseclub Concordia und der Österreichische Presserat zur Veranstaltung „Gewalt im Bild“ unter anderem mit ATV-Chefredakteur Alexander Millecker, Ex-Wirtschaftsblatt-Fotochefin Madeleine Suttner und Profil-Journalist Robert Treichler ein.

Die Medienstrategie der IS ist darauf ausgerichtet, dass westliche Medien Bilder aus den Enthauptungsvideos zeigen. „Am Anfang sind die Medien darauf reingefallen“, sagt Presserat-Geschäftsführer Alex Warzilek, der den Abend moderierte. „Erst im Laufe der Zeit sind sie draufgekommen, dass das gar nicht so g‘scheit ist, weil die IS damit Angst im Westen schüren und hier Leute rekrutieren will.“ Später entschieden sich Redaktionen eher für Bilder der Opfer aus früheren Zeiten. Selbst soziale Medien wie Twitter und Youtube reagierten: „Früher hat es geheißen, die, die Inhalte reinstellen, sind dafür verantwortlich. Jetzt haben diese Medien erstmals selbst eingegriffen“, sagt Warzilek. Für ihn könnte das ein entscheidender Richtungswechsel sein, langfristig werde man sich etwas überlegen müssen.

Filterfunktion. Medien müssen entsprechend ihrer Filterfunktion abwägen, was die Abbildung von Gewalt im Einzelfall hervorbringen könnte, meint der Presserat-Geschäftsführer. So habe die Runde zum Beispiel der Fall von Phan ThịKim Phúc besprochen. Das Foto der damals Neunjährigen, die nackt vor einem Napalm-Angriff floh, zählt zu den berühmtesten Bildern des Vietnam-Krieges. „Das Foto hat vielleicht sogar bewirkt, dass in den USA umgedacht wurde, allerdings wurde es auch ikonografisch aufbereitet“, so Warzilek. Im Vergleich dazu erinnert Warzilek an die Bilder des ersten Irak-Krieges, die relativ klinisch wirkten: „Damit kann man möglicherweise weniger bewusst machen, dass Krieg etwas Schreckliches ist.“

In Indien wiederum führten die Bilder von vergewaltigten, aufgehängten Mädchen erst dazu, dass die Behörden auf Druck der Bevölkerung aktiv wurden. Allerdings muss auch zu diesem Zweck nicht immer das ganze Ausmaß des Grauens gezeigt werden, wie die New York Times bewies: Dort war lediglich ein Ausschnitt des Fotos zu sehen, die Köpfe der Mädchen sah man nicht.

„Es ist einerseits sehr kraftvoll, mit Bildern zu arbeiten, aber andererseits ist es auch gefährlich“, gibt Warzilek zu bedenken. Ihm ist es besonders wichtig, zu schrecklichen Bildern im Text eine Begründung mitzuliefern, warum man sie zeigt. Und sich vor einer solchen Entscheidungen neben moralischen Fragen auch jene des Jugendschutzes und des Persönlichkeitsrechtes zu stellen. Oder zu überlegen, dass Opfer Angehörige haben, die leiden. Sich zu fragen, ob eine Veröffentlichung zumutbar ist. Nicht zuletzt kann es auch für die Journalisten selbst zur Belastung werden, mit diesen Bildern konfrontiert zu sein, warnt Warzilek. „Im Endeffekt müsse man von Fall zu Fall abwägen, was wichtiger ist: öffentliche Interessen oder Persönlichkeitsrechte. Doch das sei stets auf den Einzelfall bezogen.

Gewalt (un-)sichtbar machen. Wie viele Gedanken sich Medien um die Veröffentlichung von Gewalt-Abbildungen machen, zeigen konkrete Beispiele: Profil etwa brachte im Sommer einige Kriegsbilder. Um diese sehen zu können, mussten Leser die Seite extra aufschneiden. Der Vorteil: Wer sich der Gewalt entziehen wollte, konnte diese einfach überblättern. Ein möglicher Nachteil: Das Verborgene wirkt manchmal noch reizvoller. In einem Spiegel Online-Artikel wurde genau beschrieben, wie eine Steinigung funktioniert, auf ein Foto wurde jedoch verzichtet.
In welchem Ausmaß Bilder von Toten gezeigt werden, ist übrigens auch eine Frage der Kultur, erzählt Warzilek. So bringen etwa spanische Medien häufiger Fotos von Leichen, als österreichische.

Kein neues Phänomen. Dass das Abbilden von Gewalt alles andere als ein neues Phänomen ist, wird anhand eines Beispiels im Buch „Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus“ sichtbar. Der Fotojournalist Anton Holzer zeigt darin zum Beispiel, wie die Zeitung Der Sonntag ihre kriegskritische Haltung 1935 mit expliziten Gewalt-Darstellungen unterstrich. In seinem unfangreichen Fotoband beschäftigt sich Holzer akribisch damit, wie sich die Pressefotografie im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte. Gleichzeitig bietet er einen spannenden Einblick in die Redaktionen.


Autor: Sabine Karrer


Weitere Beiträge zum Thema:

Präsident Donald Trump liebt den Krieg mit den Medien. Er beschert Qualitätszeitungen Abo-Rekorde. Und er profitierte vermutlich vom problematischen Verhältnis zwischen Medienunternehmen und Facebook. Ein aktueller Überblick über...

Digital News Report: In den USA zahlen mehr Leute für Nachrichten; Vertrauen in Medien ist gering

Daniela Süssenbacher tritt seine Nachfolge an

Paradies Regional

08.06.2017

Die lokalen Medien Österreichs schaffen das, wovon die restliche Print-Landschaft oft nur träumen kann: stabile, oft sogar steigende Reichweiten und Verkaufszahlen gepaart mit scheinbar problemloser Digitalstrategie

"Bin ich ein Landei oder schaffe ich es in Wien?" Vor dieser Frage stand der Kärntner Wolfgang Kofler vor einigen Jahren. Da war er gerade 40 Jahre alt, Chefredakteur des Kärntner Monat und erhielt das Angebot, für das...